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Siebtes
Kapitel
Nach unserer Spritztour durchs Einkaufszentrum schien mir Sumner
überall über den Weg zu laufen. Das lag zum Teil an
seinen
vielen verschiedenen Jobs. Neben der Pfeffer-und-Käse- und der
Aufsichtstätigkeit im Einkaufszentrum mähte er
außerdem
auf dem Friedhof den Rasen und chauffierte einen Schulbus für
behinderte Kinder. Vom Faulenzen hielt Sumner nichts.
Ich dachte, es müsse
Schicksal sein, dass
ich ihm immer wieder in die Arme lief eine Art Zeichen, dass er wieder
in mein Leben zurückkehren und irgendetwas festigen oder
verändern sollte, eine Stimme aus der Vergangenheit, die mir in
meiner augenblicklichen Lage auf alles Antworten gab. Ich wusste, dass
es albern war, aber es fiel mir schwer, die Begegnungen mit Sumner
für Zufall zu halten.
Lewis und Ashley kabbelten sich wie
gehabt und versöhnten sich
wieder fast täglich. Ashleys Launen, die sie bisher
für ihre
Familie reserviert hatte, wurden jetzt auch für ihn zur
Routine
und während die Hochzeit immer mehr nahte, näherte er
sich
unserer Haustür wie einer Bombe, als könne durch ein
falsches
Wort Kompliment oder durch den falschen Gesichtsausdruck alles in die
Luft fliegen. Meine Mutter und ich litten stumm mit ihm, wenn wir ihn
zu Ashley hinaufgehen sahen wie ein Soldat, der in die Schlacht zog.
Seit Lewis dasselbe durchmachen musste wie wir, fand ich ihn von Tag zu
Tag sympathischer. Ich stellte mir vor, dass sich so die Opfer einer
Krise solidarisieren, zusammengeschweißt durch das Unfassbare.
Es waren jetzt noch zwei
Wochen bis zur
Hochzeit. Die Listen meiner Mutter hatten vom ganzen Haus Besitz
ergriffen, gelbe Haftzettel klebten auf allem, was sich nicht von der
Stelle bewegen konnte und groß genug dafür war. Sie
säumten das Geländer und fielen mir ins Auge wenn ich
die
Treppe hochging. Sie pappten am Kühlschrank und am Fernseher,
Notizen in letzer Minute, Merkzettelchen überall. Sie waren
wie
Warnschilder, flaggten meinen Weg als Mahnung, vorsichtig um die
nächste Ecke zu biegen. Die Hochzeit, die unser Haus so lange
in
gleich bleibendem Tempo umweht hatte, entwickelte sich
allmählich
zu einem peitschenden Sturm.
Wo ist denn das andere Päckchen mit den
Danksagungskarten?“,
hörte ich Ashley von der Küche her fragen, als ich
eines
Morgens aus der Dusche kam. „Ich brauche mehr als nur die
sechs
die noch in dieser Packung sind.“
„Also, ich habe sie
in dieselbe Schublade
gelegt“, antwortete meine Mutter, und ihre Schuhe schlurften
über den Fußboden, als sie sich auf die Suche nach
den Karten
machte. „Die haben ja wohl keine Beine bekommen.“
„Natürlich
nicht“, knurrte
Ashley leise, in gleichmäßig grummelndem, fahrigem
Ton, wie
ich ihn ständig hinter mir hörte, wenn ich zur
falschen Zeit
am falschen Ort aufkreuzte.
Ich hörte meine Mutter
zurückkommen und
sich einen Stuhl heranziehen. „Da sind sie doch“,
sagte sie
in ihrer besänftigenden Singsangstimme. „Und ich
habe diese
Liste hier mitgebracht, damit wir durchgehen können, was heute
noch zu tun ist.“
„Schön.“
„Okay“,
sagte meine Mutter; und
dann hörte ich das Rascheln von Plastik, das wohl daher
rührte, dass Ashley die Verpackung der neuen Karten aufriss.
„Zuerst mal sind heute um zehn die letzten Anproben bei Dillard’s.
Ich weiß dass Haven mit jemandem die Schicht getauscht hat,
damit
sie dabei sein kann, und ich habe heute Morgen angerufen und mich
vergewissert dass der Schleier fertig ist.“
„Vermutlich ist sie
schon wieder acht
Zentimenter gewachsen, und wir müssen später noch eine
Anprobe
machen“, knurrte Ashley. Ich starrte mich durch den
Dampf
im Badezimmerspiegel an. Ich war schon fast über meinen
Spiegel
hinausgewachsen, und mein Kopf befand sich gerade noch unterhalb des
Rahmens. Ich betrachtete die Geometrie meiner Rippen, Ellbogen und
Schlüsselbeine. Vor mir sah ich sich schneidende Linie und
Flächen die sich unendlich fortsetzen. Meine Arme waren lang,
spillerig und dünn, und mein Knie wirkten wie Scharniere, die
die
knochigen Teile meiner dünnen Beine zusammenhielten. Ich war
scharfkantig, wenn man mich zufällig streifte.
„Ashley, du
weißt dass deine
Schwester empfindlich ist, was ihre Länge angeht.“
Für
meine Mutter grenzten diese Worte schon fast an schimpfen womit sie
aufgehört hatte, seit Ashley eigentlich zu alt dafür
war.
„Stell dir mal vor, du wärst fünfzehn und
fast
einsachtzig groß. Für sie ist das ein echtes
Problem, und
deine Kommentare helfen ihr da auch nicht weiter.“
Gott, ich sag’s ja nicht, wenn
sie dabei
ist“, gab Ashley verbittert zurück, und ich fragte
mich ob
die Danksagungen und all die Freundlichkeit vielleicht den
gegenteiligen Effekt hatten und keine Dankbarkeit mehr für die
Menschen in ihrer Umgebung übrig ließen.
„Außerdem kann sie später froh sein. Sie
wird nie
dick.“
„Das ist im
Augenblick ein schwacher
Trost.“ Meine Mutter räusperte sich. „Nach
der Anprobe
können wir uns zum letzten Mal mit dem Partyservice treffen.
Gestern hat der angerufen. Mit den
Horsd’œuvres
geht alles klar, du sollst nur noch über das Dessert
entscheiden.“.
„Gott, ich bin es so leid,
Entscheidungen zu
treffen.“ Eine Pause, in der ich meine Mutter den Kaffee
umrühren hörte.
„Und dann diese
blöden Danksagungskarten.
Glaubt denn irgendwer im Ernst, ich freue mich nicht über sein
Geschenk? Brauchen die das unbedingt schriftlich?“
„Ja“,
versetzte meine Mutter
barsch. Ich drehte mich um, als die Worte heraufklangen und
sah
zum Luftschacht, überrascht von der Ungeduld in ihrer Stimme.
„Und ich hatte noch vor, mit dir zu reden, Ashley,
nämlich
über deine Einstellung zu der Hochzeit in letzter Zeit und zu
denen, die ihr Bestes geben, damit sie ein Erfolg wird.“
„Mutter“, begann
Ashley in gelangweiltem
Ton. Ich konnte sie beinahe vor mir sehen, wie sie mit der Hand
abwinkte, die Worte wegwischte, während meine Mutter sie
aussprach.
„Nein jetzt hörst du
mir mal zu.“
Meine Mutter kam richtig in Fahrt. „Ich verstehe ja, dass du
unter großem Druck stehst und dass du es als Braut nicht
leicht
hast. Das ist alles gut und schön. Aber es gibt dir
nicht
das Recht, dich mir oder Haven oder sonstwem gegenüber
permanent
grob, selbstsüchtig, gleichgültig und unausstehlich
zu
benehmen. wir haben viel Geduld mit dir gehabt, weil wir deine Familie
sind und dich lieben, aber jetzt reicht es. Es ist mir egal, ob die
Hochzeit in zwei Wochen oder in zwei Stunden stattfindet, ich habe dich
nicht dazu erzogen, dich so aufzuführen. Hast du
verstanden?“
Und da war es. Nackt stand ich da, den
Blick auf das
Stahlgitter des Luftschachts geheftet, durch den die Worte meiner
Mutter glockenhell heraufklangen, bis in meine Ohren. Es war jetzt
still da unten, nur der Ventilator an der Zimmerdecke surrte langsam
kreisend. Dann ein Schluchzer. Und noch einer. Und dann
öffneten
sich die Schleusen.
Ashley heulte los, ihre
übliche Reaktion auf einen berechtigten Vorwurf.
Mit
freundlicher Genehmigung des Verlags |