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Philip Wayre: Operation Otter. Ein aufsehenerregendes Projekt zur Rettung einer Tierart.Das englische Original erschien 1989 unter dem gleichlautenden Titel mit vielen Fotos und Abbildungen. |
Meine Mutter hat immer behauptet,
daß die Luft im Themsetal
die Nerven schwächt. Zu Anfang der dreißiger
Jahre
legte das Klima
sogar Handel und Gewerbe in dieser Region lahm. Die dunkle Wolke der
Depression hing über unserem Haus wie der Nebel, der nachts
aus den
Flußniederungen aufsteigt.
Vielleicht war es mehr diese
düstere
Atmosphäre als der Hang zur Misanthropie, die mich, als ich
ein kleiner
Junge war, so oft wie möglich in die relative Einsamkeit
unseres
Vorstadtgartens trieb. Ich weiß noch, wie die
Sommernächte erfüllt
waren vom Duft des Lavendels und des süßen Phlox.
Bewaffnet mit einer
einfachen Sturmlaterne und einem Schmetterlingsnetz jagte ich Motten,
die vom Schein meiner Lampe angelockt wurden.
Wenn die Dämmerung
hereinbrach, verwandelten sich in meiner Vorstellung der Steingarten in
eine Steilwand des Himalajagebirges, die Katze unseres Nachbarn in
einen Leoparden, und die Blindschleiche, die nur sekundenlang aus den
huschenden Schatten auftauchte, wurde für mich zu einer Kobra.
Beim Schrei des Waldkäuzchens durchrieselte mich ein Angstschauer. [...]
Dieses Bedürfnis nach Einsamkeit und Interesse an
Tieren überdauerte
auch meine Schulzeit in Ewell, wo ich zusammen mit Jones Minor unter
den Zimmern im Erdgeschoß auf Rattenjagd ging. Ein sehr
kleiner Junge
konnte sich durch die Zwischenräume der
Fußbodenbohlen in den
darunterliegenden Keller zwängen. Ich hielt die Ratten als
Haustiere in
einem selbstgebastelten Käfig.
Als ich später die
Public-School in Dorset
besuchte, wurde meine Faszination für wilde Geschöpfe
zu einer
ernsthaften Passion. Da man den Schülern dort
größere Freiheit
gewährte, konnte ich öfter mit meinem zahmen Falken
oder Frettchen
durch die Wälder und Wiesen der näheren Umgebung
streifen. Sobald ich
alt genug war zum Autofahren, konnte ich mir einen lang gehegten Wunsch
erfüllen und die Wildvögel im Watt und der Marsch des Wash, dem großen Meerbusen an der
Ostküste,
jagen.
Die Entenjagd im Mondschein wurde mir zum liebsten
Zeitvertreib, ich
konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als mich allein in der
Dunkelheit weit draußen im Watt aufzuhalten und im
Strandflieder zu
verbergen, während ich darauf wartete, daß der Mond
aufging, und die
Flut, die sich schon mit leisem Zischen in der Bucht
ankündigte, hoch genug stieg, um die Enten von den entfernter
liegenden
Sandbänken zu vertreiben. Sie flogen dann auf die saftigen
Wiesen, die
in meinem Rücken lagen.
An einem
Junimorgen
war ich schon lange vor Anbruch der Dämmerung an der
Mündung des Stiffkeys
in Nord-Norfolk. Ich wollte ein paar Tonaufnahmen machen, bevor der
Lärm der Flugzeuge und des Straßenverkehrs
einsetzte. Ich war dem Lauf
des Flusses gefolgt, der sich durch satte grüne Auen
schlängelte.
Ochsen standen bis zu den Knien im nächtlichen Nebel und
schwängerten
die Luft mit ihrem süßsauren Atem. An der
grasüberwachsenen
Uferböschung und den großen Schleusentoren
verabschiedete sich der Fluß vom Land und verlor seine
Eigenständigkeit in dem Gezeitenlabyrinth aus
Prielen und Rinnsalen, die sich in den glänzenden Schlick des
Watts gegraben hatten. Es war ein Land voller Strandflieder, Meerastern und goldbestäubtem Portulak.
Mit dem ersten Morgengrauen zog
eine frische
Brise herauf, die den Nebel vertrieb. Bald verließen die Meerschwalben die Landspitze, um mit schrillen Schreien
der Flut zu folgen. Sie machten Jagd auf Sandaale und kleine Fische. Die emsigen
Austernfischer trällerten ihr Frühlingslied.
Ihre halboffenen
karminroten Schnäbel
deuteten mit der Spitze auf den goldenen Sand, und die
Männchen
umkreisten stolz ihre Gefährtinnen.
Als ich auf das schlammige Wasser der
Flußmündung hinausschaute, das
sich mit den ersten kleinen Meereswellen am Strand vereinigte,
entdeckte ich ein Geschöpf, das aus dem Meer kam und sofort
wieder
verschwand. Ich hockte mich tief ins Watt - gut getarnt durch den
Strandflieder -, als der Otter direkt vor meiner Nase aus dem Wasser
auftauchte. Er schwamm flußaufwärts, kraftvoll, mit
eleganten
Bewegungen, wobei er mir ganz nahe kam. Ich erstarrte, wagte kaum zu
atmen, während ich beobachtete, wie er seinen Körper
anmutig anspannte,
um in die Tiefe zu gleiten. Ich habe ihn
nicht wieder gesehen, aber
meine Neugier war geweckt.