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                                                              Die Drachenkaiserin         The Secrets of Jin Shei, excerpt; German title: Die Drachenkaiserin
Gut drei Wochen -  nicht nur die von Alters her übliche Frist  von sieben Tagen - ließ Liudan verstreichen, bevor sie die  Rückkehr in die Stadt anordnete. Immer noch ahnte keine ihrer  Gefährtinnen, wen sie denn nun zu ihrem Kaiser erkoren hatte, was  doch der eigentliche Sinn dieses Aufenthalts war. Liudan plauderte  mit ihren drei Jin-Shei-Schwestern ganz offen  über alles und jedes  unter der Sonne, mitunter wirkte sie sogar richtig  gelöst und gab  ungewöhnlich viel von sich preis: Sie diskutierte über  die  Staatskunst und die Windungen und Wendungen von Nhias  „Weg“, und mit Yuet, der ältesten und lebensklügsten von allen,  parlierte sie über so faszinierende Themen wie das Wesen des  Menschen. Mit Tai führte sie lange, ernsthafte Gespräche  über Kunst  und Poesie; so waren ihre Bemerkungen über Tais  lyrische Begabung durchaus nicht nur aus einer kaiserlichen Grille so dahin gesagt und bald wieder vergessen. Doch der Grund für den Rückzug ins Gebirge - die Wahl des nächsten Kaisers von Syai - schien glücklich begraben und Liudan wenig geneigt, ihn wieder auferstehen zu lassen.
      Auch über das Mädchen aus dem Volk der Umherziehenden, das durch Tais Träume geisterte, hatten sie kein Wort verloren.
    „Sag den anderen noch nichts davon“, hatte Yuet Tai gebeten. „Eigentlich müsste ich etwas darüber wissen, aber bislang habe ich nur eine leise Ahnung, bin mir jedoch nicht sicher und will abwarten, bis ich wieder in der Stadt bin und dann in meinen und Szewans Aufzeichnungen nachforschen. Bewahre Stillschweigen – lenke keine Aufmerksamkeit auf das Mädchen – lass es in Frieden leben. Ich kümmere mich darum und sage dir Bescheid, sobald ich etwas finde.“
    Tai war enttäuscht, ihre Wissbegier unbefriedigt. Am Tag vor der Rückkehr nach Linh-An suchte sie noch einmal den Sommerpalast auf - wieder allein, dieses Mal näher an der Tageszeit, die ihr am liebsten war, wenn die goldene Sonne tief am Himmel stand, dicht über den Gipfeln.*
    Sie wusste nicht, was sie nach dem mühevollen Aufstieg über schneebedeckte Hänge und durch stille, verlassene Gärten dort erwarten sollte. Jedenfalls nicht das Schauspiel, das sich ihr nun in einem sonnendurchfluteten Hof in den Palastruinen bot, eine Szene wie aus einem zum Leben erweckten Wandteppich. Dort tanzte die Fremde aus ihrem Traum. Allein.
    Sie hielt die Augen geschlossen und streckte die Arme – die trotz der noch winterlichen Kühle bloß waren - hoch über den Kopf, die Hände anmutig gebogen wie weiße Vogelschwingen. Das offene helle Haar ergoss sich in einer Flut wilder Locken, die in der die Sonne rot-golden schimmerten. Selbstvergessen drehte sie sich zu einer Weise, die nur sie allein hörte. Ihre Haut war sehr weiß, wie feines Porzellan, die blauen Adern traten deutlich an den Handgelenken hervor, die vollen Lippen waren geöffnet. Ihr Alter ließ sich schwer abschätzen, denn sie bewegte sich zwar wie eine Frau, und ihr Körper wies weibliche Rundungen auf, doch die Mimik, die Form des Mundes und die eigentümliche Selbstvergessenheit muteten kindlich an.
    Mitten in der Bewegung merkte sie, dass sie beobachtet wurde. Ihr Tanz endete abrupt, wie ein Spiegel, der in tausend Splitter zerbricht. Sie reagierte instinktiv – nicht wie eine Frau oder ein Kind, sondern wie ein erschrecktes Wild, das sich vom Jäger in die Enge getrieben sieht. Sie riss die Augen weit auf, ergriff ihren Schal, der lässig um einen kahlen Ast geschlungen hing, verhüllte sich und wollte in die länger werdenden Schatten zurückweichen.
    „Bleib doch!“, rief Tai und versuchte, sie festzuhalten. „Ich will dir doch nichts Böses. Lauf nicht weg! Wie heißt du denn?“
    „Mit denen vom Hof rede ich nicht“, lautete die überraschende Antwort. Die weiche Stimme mit dem fremden Akzent klang dunkel und tief und älter, als Tai erwartet hätte. „Macht, dass ihr alle fort kommt – lasst uns in Ruhe!“
    Und schon war sie verschwunden.
    Tai erzählte Yuet nichts von dieser Begegnung, sie wollte lieber warten, bis jene selbst Antworten darauf fände. Doch als die Frauen von Linh-An, „die vom Hof“, nach Liudans dreiwöchiger Bedenkzeit wieder nach Linh-An aufbrachen, kreisten Tais Gedanken ständig um das fremde Mädchen in den Bergen.
Einen Tag nach der Rückkehr in den Palast begehrte der Rat zu wissen, zu welcher Entscheidung Liudan gelangt sei.
    „An meinem Geburtstag gebe ich eine Erklärung ab - vorher nicht“, verkündete die Kaiserin.
    Auch nach ihrem nächsten Geburtstag, im Sommer, würde sie mit erst fünfzehn Jahren immer noch jung und biegsam genug sein - zumindest nach landläufiger Meinung -, um sich Zügel anlegen und  durch die Tradition binden und beherrschen zu lassen. Auf Betreiben der Weisen gewährte ihr der Rat diesen weiteren Aufschub. Doch der Spekulation war damit Tor und Tür geöffnet, vor allem blühte das Geschäft mit den Wetten, wer von Liudans Freiern am Ende des Sommers den Sieg davontragen und wie sich der Hof im Herbst entsprechend neu formieren würde.
     Tai nahm sich bei ihrer Heimkehr fest vor, Yuet an die Nachforschungen über das fremde Mädchen zu erinnern, doch schon bald verlangten andere Angelegenheiten ihre Aufmerksamkeit.
     Ihr erster Monatszyklus begann zwei Tage vor ihrem zwölften Geburtstag und markierte einen wichtigen neuen Abschnitt in ihrem Leben. Die Xat-Wau-Zeremonie wurde für den vierten Tag der dritten Woche von Tai angesetzt, dem Geburtstag der Kleinen Kaiserin. Da Tai jedoch nur ein Mädchen aus dem Volk war, fiel ihre Feier viel schlichter aus als Liudans – nicht einmal ein Tempelpriester war zugegen, und die Worte der Einsegnung sprach Nhia, ihre Freundin und Jin-Shei-Schwester. Sonst nahmen nur noch Yuet, zwei wohlwollend lächelnde Nachbarn und die von Krankheit gezeichnete Rimshi teil, die während der gesamten Zeremonie in einem Sessel mit vielen Kissen saß, trotz der sommerlichen Temperaturen mit einer Decke auf den Knien. Da ihre Hände jetzt ständig zitterten, hatte Tai für sie immer öfter die zierlichen Stickereien für den Kaiserhof übernommen.
     Rimshi hatte trotz aller Hinfälligkeit darauf bestanden, der Feier beizuwohnen. Sie war es auch, die Tai die rote Xat-Wau-Nadel in das hochfrisierte volle Haar steckte. Es schien, als hätte sie nur die Erwartung dieses großen Ereignisses im Leben ihrer Tochter, der Eintritt in die Welt der Erwachsenen, weiter aufrecht gehalten. Kurz nach der Zeremonie, bei der Rimshi sich noch im Haus bewegt und mit leuchtenden Augen stolz und glücklich die Segenswünsche ihrer Gäste entgegengenommen hatte, wurde sie auf Dauer bettlägerig. Obwohl ihr Yuet jegliche Hilfe angedeihen ließ, sah es nicht danach aus, als ob sie sich jemals wieder vom Krankenlager erheben würde. Daher beschäftigte sich Yuet vordringlich mit dem Naheliegenden und nicht mit der geheimnisvollen Umherziehenden, die sie in dem Bergdorf zurückgelassen hatten.
~
Aus: Alma Alexander (Alma A. Hromic):  Die Drachenkaiserin
Deutsche Übersetzung: Christiane Bergfeld
Mit freundlicher Genehmigung der Rowohlt Verlag GmbH
 

Eine weitere Online-Leseprobe - das ganze erste Kapitel dieses weltweit erfolgreichen Fantasy-Romans - hat der Rowohlt Verlag inzwischen zur Verfügung gestellt.



Design + text: Christiane Bergfeld, Hamburg.

Alle Rechte vorbehalten.
Letzte Aktualisierung: 27. September 2009
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